Beruhigungsmittel bei Flugangst: Was sie können und was nicht
Helfen Beruhigungsmittel gegen Flugangst?
Kurzfristig: ja. Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine dämpfen Angst schnell und spürbar. Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (AWMF, Version 2021) hält fest, dass sie bei Angststörungen wirksam sind. Trotzdem sollen sie laut Leitlinie nicht regulär angeboten werden, wegen der gravierenden Nebenwirkungen, allen voran der Abhängigkeitsentwicklung. Nur in begründeten Ausnahmefällen und zeitlich befristet sieht sie einen Einsatz vor.
Für Flugangst, fachlich eine spezifische Phobie, ist die Leitlinie noch deutlicher: Die vorliegenden Studien reichen nicht aus, um die Wirksamkeit von Medikamenten bei spezifischen Phobien nachzuweisen. Empfohlen wird stattdessen Expositionstherapie, also die schrittweise, begleitete Begegnung mit der gefürchteten Situation. Für Flugangst nennt die Leitlinie ausdrücklich auch Exposition in virtueller Realität, wenn echte Flüge nicht möglich sind.
Aus psychologischer Sicht ist ein Unterschied wichtig: Eine Tablette verändert, wie du dich während eines Fluges fühlst. Was dein Alarmsystem über das Fliegen gelernt hat, verändert sie nicht.
Was zeigt die Studie zu Alprazolam und Flugangst?
Die bekannteste Untersuchung dazu stammt von Frank Wilhelm und Walton Roth (Behaviour Research and Therapy, 1997). 28 Frauen mit Flugangst flogen zweimal im Abstand von einer Woche. Vor dem ersten Flug bekam die Hälfte doppelblind das Benzodiazepin Alprazolam, die andere Hälfte ein Placebo.
Beim ersten Flug berichtete die Alprazolam-Gruppe weniger Angst. Gleichzeitig lagen ihre Herz- und Atemfrequenz höher als in der Placebo-Gruppe. Beim zweiten Flug, diesmal ohne Wirkstoff, drehte sich das Bild: Die Alprazolam-Gruppe hatte mehr Angst als die Placebo-Gruppe, und Panikattacken nahmen bei ihr deutlich zu. In der Placebo-Gruppe sanken Angst und Symptome vom ersten zum zweiten Flug. Die Autoren folgern, dass das Medikament die therapeutische Wirkung der Exposition behindert hat.
Die Studie ist klein und fast 30 Jahre alt, man sollte sie nicht überdehnen. Sie passt aber zu dem Prinzip, auf dem Expositionstherapie beruht: Angst wird weniger, wenn dein Nervensystem erlebt, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Wer den Flug gedämpft erlebt, nimmt diese Erfahrung offenbar schlechter mit.
Welche Risiken haben Tavor, Diazepam und Co. beim Fliegen?
Wirkstoffe wie Lorazepam (bekannt unter dem Handelsnamen Tavor) oder Diazepam sind verschreibungspflichtig. Die Fachinformationen, also die offiziellen Angaben für Ärztinnen und Ärzte, nennen unter anderem diese Punkte (hier am Beispiel einer Fachinformation zu Diazepam):
- Abhängigkeit: Sie kann sich schon im therapeutischen Dosisbereich entwickeln. Das Risiko steigt mit Dosis und Dauer.
- Alkohol: Er kann die Wirkung in nicht vorhersehbarer Weise verstärken, bis hin zu tiefer Sedierung und gefährlich flacher Atmung.
- Reaktionsvermögen: Es kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eingeschränkt sein.
- Erinnerungslücken und paradoxe Reaktionen: Benzodiazepine können Erinnerungslücken für die Stunden nach der Einnahme verursachen. Statt Ruhe können, vor allem bei älteren Menschen, auch Unruhe oder Erregung auftreten.
Aus der Kabine betrachtet ist Reaktionsfähigkeit kein abstrakter Begriff. Die Sicherheitseinweisung vor jedem Start gibt es, damit du im sehr seltenen Ernstfall Anweisungen hörst, verstehst und selbst zügig handelst. Genau das setzt einen wachen Kopf voraus.
Dazu kommt ein Punkt, den viele nicht auf dem Schirm haben: Wer sediert stundenlang reglos sitzt, bewegt die Beine kaum. Das Institut für Internationale Gesundheit der Charité nennt Bewegungsmangel als Ursache des Reisethrombose-Risikos und rät, auf Flugreisen möglichst keine Beruhigungsmittel zu nehmen.
Beruhigungsmittel, Pflanzen, Alkohol: der ehrliche Überblick
| Mittel | Was es tut | Was du wissen solltest |
|---|---|---|
| Benzodiazepine (z. B. Lorazepam, Diazepam) | Dämpfen Angst schnell und spürbar | Verschreibungspflichtig; Abhängigkeitspotenzial, eingeschränktes Reaktionsvermögen, riskant mit Alkohol; laut Leitlinie kein Wirksamkeitsnachweis bei spezifischen Phobien |
| Pflanzliche Mittel (z. B. Baldrian, Lavendelöl) | Werden bei leichter Unruhe eingesetzt | Studienlage bei Angst dünn; für Flugangst selbst kaum untersucht; rezeptfrei heißt nicht geprüft für deinen Fall |
| Alkohol | Entspannt kurzfristig | In der Kabinenhöhe im Schlaf zusätzliche Belastung für Sauerstoff und Herz gemessen; zusammen mit Beruhigungsmitteln gefährlich |
| Wissen und Übung | Verändern, wie dein Nervensystem das Fliegen bewertet | Braucht Zeit vor dem Flug; laut Leitlinie die Behandlung der Wahl bei spezifischen Phobien |
Helfen pflanzliche Beruhigungsmittel beim Fliegen?
Die Studienlage zur Wirkung bei Angst ist allerdings dünn. Ein Cochrane-Review zu Baldrian bei Angststörungen fand nur eine einzige kleine Studie mit 36 Teilnehmenden und kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für Aussagen zu Wirksamkeit und Sicherheit nicht ausreicht. Die S3-Leitlinie beschreibt, dass pflanzliche Mittel wie Baldrian bei Angsterkrankungen häufig verordnet werden, ohne dass wissenschaftliche Nachweise vorliegen.
Für einen bestimmten Lavendelöl-Extrakt gibt es Studien bei generalisierter Angststörung, allerdings mit täglicher Einnahme über mehrere Wochen. Eine Empfehlung spricht die Leitliniengruppe trotzdem nicht aus. Studien zur einmaligen Einnahme vor einem Flug haben wir nicht gefunden. Auch bei rezeptfreien Mitteln gilt: Frag in der Apotheke oder ärztlich nach, besonders wenn du andere Medikamente nimmst. Was ohne Tabletten wirkt, haben wir in Flugangst überwinden ohne Medikamente zusammengetragen.
Hilft Alkohol gegen Flugangst?
Das Glas Sekt gegen die Nerven ist wahrscheinlich das verbreitetste Beruhigungsmittel überhaupt. Ich verstehe den Gedanken. Aus der Kabine kann ich dir aber drei Dinge dazu sagen.
Erstens: Der Kabinendruck im Reiseflug entspricht laut Deutschem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ungefähr dem Luftdruck auf 2.438 Metern Höhe. Eine DLR-Studie (Thorax, 2024) hat junge, gesunde Menschen unter diesen Bedingungen nach moderatem Alkoholkonsum schlafen lassen. Ihre Sauerstoffsättigung sank im Mittel auf gut 85 Prozent, der Puls stieg auf rund 88 Schläge pro Minute, der Tiefschlaf verkürzte sich. Ohne Alkohol, unter demselben Druck, lag der Puls bei rund 73. Für ein Nervensystem, das ohnehin auf Herzklopfen achtet, ist das kein guter Tausch.
Zweitens: Alkohol und Beruhigungsmittel verstärken sich gegenseitig, so steht es in den Fachinformationen. Diese Kombination ist die riskanteste von allen.
Drittens: Nach EU-Recht (Verordnung 965/2012, CAT.GEN.MPA.170) muss eine Airline angemessene Maßnahmen ergreifen, damit niemand an Bord geht oder bleibt, der unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen steht und sich so verhält, dass die Sicherheit gefährdet sein könnte. Zu diesen Substanzen zählt die Verordnung ausdrücklich Alkohol, aber auch Beruhigungs- und Schlafmittel. Wer beim Boarding sichtlich beeinträchtigt ist, kann also vom Flug ausgeschlossen werden. Das ist keine Schikane, sondern unsere Verantwortung für alle an Bord.
Wann können Medikamente trotzdem sinnvoll sein?
Die Leitlinie kennt begründete Ausnahmefälle, in denen Ärztinnen und Ärzte nach sorgfältiger Abwägung befristet ein Beruhigungsmittel verordnen. Ob das bei dir zutrifft, hängt von deiner Gesundheit, deinen anderen Medikamenten und deiner Vorgeschichte ab. Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Für das Gespräch helfen dir diese Fragen: Wie wirkt das Mittel auf meine Reaktionsfähigkeit? Was bedeutet es für Alkohol an Bord? Was heißt es für mein Thromboserisiko auf langen Strecken? Und wie lange hält die Wirkung nach der Landung an, etwa wenn ich danach Auto fahren will?
Wenn du bereits regelmäßig ein Beruhigungsmittel nimmst, setze es nicht auf eigene Faust ab. Die Fachinformation beschreibt Entzugssymptome bei plötzlichem Abbruch.
Was hilft langfristig gegen Flugangst?
Dauerhaft verändert sich Flugangst über drei Dinge: Wissen, das dem Unbekannten den Schrecken nimmt. Körperwerkzeuge, mit denen du die Alarmreaktion selbst herunterregelst. Und gute Erfahrungen, die dein Nervensystem wirklich mitbekommt. Das braucht etwas Vorlauf, wirkt dafür aber über den nächsten Flug hinaus. Wie so eine Vorbereitung aussieht, findest du in Mit Flugangst trotzdem fliegen.
Eine Tablette kann im Einzelfall eine ärztlich gut begründete Brücke sein. Der Weg selbst ist sie nicht.
Ehrliche Einordnung, keine ärztliche Beratung. Welche Art von Flugangst du hast und was dir am meisten hilft, zeigt dir der Angst-Typ-Test.